Ottmar Schreiner über die „Gerechtigkeitslücke“
Aus Angst um die Gesellschaft
Werl. Nein, auf den Führungswechsel in seiner SPD kam Ottmar Schreiner an diesem Abend nur in einem Nebensatz zu sprechen. Wer sich dazu im vollbesetzten Vortragssaal des Werler Forums der Völker mehr erwartet hatte, wurde enttäuscht. Denn sein Thema war dem sozialdemokratischen Bundestagsabgeordneten zu wichig, um abzuschweifen: „In Deutschland tut sich eine soziale Kluft auf wie nie zuvor“, machte der 62-Jährige deutlich. Das bedrohe letztlich die ganze Gesellschaft in Deutschland.
von Birger Berbüsse
„Wir haben es derzeit mit einem Auseinanderfallen in arm und reich zu tun, wie es Deutschland noch nicht kannte“, erklärte der Sozialdemokrat vor rund 80 Zuhörern und verdeutlichte dies sogleich mit Fakten: Sowohl die Zahl der Reichen als auch derer, die auf Hartz-IV- und Sozialhilfe angewiesen seien, stiegen um bis zu 20 Prozent. Gleichzeitig schrumpfe dagegen die Mittelschicht stetig.
Gerade dies mache ihm große Sorgen, denn: „Sie war immer der eigentliche Träger der Gesellschaft.“ Da die Mittelschicht nun aber zusehends verängstigter würde, bestehe die Gefahr, dass die Atmosphäre in Deutschland feindseliger werde, befürchtet Schreiner, der seit 28 Jahren im Bundestag sitzt.
Dann geht Schreiner daran, die „Gerechtigkeitslücke“ anhand dreier Gruppen zu erläutern. Bereits bei den ersten Sätzen wird seine Stimme lauter und energischer, er gestikuliert viel und ist engagiert. Über die Lohnentwicklung Deutschland schimpft er, die die schlechteste in ganz Europa sei. Der Anteil der Niedriglöhne liege bei fast 23 Prozent: „Das sind amerikanische Verhältnisse!“ Zudem landeten immer mehr Menschen in der Leiharbeit oder würden mit befristeter Beschäftigung abgespeist. An dieser Stelle, so Schreiner, brauche es dringend Mechanismen des Staates: „Gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ fordert er und bekommt vom mitgerissenen Publikum starken Applaus. Auch als er ausruft, dass ein Mensch doch vom Erfolg seiner Hände Arbeit leben müsse, zieht er die Werler ganz auf seine Seite.
Und dort bleibt das überwiegend ältere Publikum auch, als er auf die zweite Gruppe zu sprechen kommt. Denn, so glaubt Schreiner, „bald haben wir es nicht mehr nur mit Lohn- sondern auch wieder mit verstärkter Altersarmut zu tun.“ Um das zu verhindern und um diesen Prozess umzukehren, brauche es grundlegenden Veränderungen und einen funktionierenden Sozialausgleich.
Noch engagierter wird der dreifache Familienvater, als er die wachsende Kinderarmut in Deutschland anspricht. Fast 2,5 Millionen Menschen seien davon betroffen, sagt er und schildert mit deutlicher Empörung in seiner Stimme Besuche in Berliner Suppenküchen: „Ohne sie würde dort jedes dritte Kind ohne warme Mahlzeit bleiben“. Ebenso schlimm sei, dass arme Kinder fast automatisch von Bildung ferngehalten würden. „Das wird uns noch sozial zerreißen, wenn wir nicht bald Maßnahmen ergreifen“, glaubt Schreiner und verlangte eine radikale Bildungsreform.
Seinen leidenschaftlich geführten Vortrag schloss Ottmar Schreiner noch mit dem Verweis auf das katholische Werl: „Alles, was ich hier gesagt habe, kann von einem Sozialdemokraten kommen, aber genauso auch von einem Christen.“ Schließlich sei er selbst Katholik und habe sich besonders die Bergpredigt sehr zu Herzen genommen.







