Gedanken zum Evangelium
Anders, aber wie?
Es geht im Evangelium um das Oben und Unten. Die Jünger wollen dabei am liebsten bereits zu Lebzeiten Jesu geklärt haben, wo denn ihr Platz im Himmelreich sein wird. Dem erteilt Jesu eine Absage. Bei ihm zu sein, schreibt Schwester Maria Andrea, das bedeute nicht, direkt am Thron zu sitzen.
von Sr. Maria Andrea
Stratmann SMMP
Man könnte meinen, es ginge im Evangelium um unsere Situation heute: Jeder möchte Anerkennung, möchte gelten. Und Achtung findet man doch am meisten, wenn man vorne steht, wenn man einen Posten bekleidet, der allseits Beachtung findet. Nicht jeder drängt sich selbst nach vorne. Mancher wird auch von anderen dazu gedrängt. Die Frage ist nur, wie verhalte ich mich dazu? Bekleide ich einen Posten (tue, was mir möglich ist, einer Aufgabe gerecht zu werden) oder bekleidet der Posten mich (geht es mir primär um meine Stellung, mein Ansehen)?
Die Zebedäussöhne, Jakobus und Johannes, hatten doch nur ihre Zukunftsträume ausgesprochen. Ehrenposten für sie im Reich Gottes, das entspräche ihren Vorstellungen. Hier auf Erden sind sie an der Seite Jesu, also dann auch in der neuen Welt, von der Jesus immer spricht. Wundert es uns, dass die anderen Jünger sich über eine solche Anmaßung ärgern? Schließlich sind sie genauso mit Jesus auf dem Weg. Was soll da eine Bevorzugung der beiden?
Wie wichtig der richtige Umgang mit Macht für Jesus ist, zeigt sich daran, dass er die Jünger eigens zusammenruft, um ihnen klarzumachen: So darf es bei euch nicht sein! Macht kann den Charakter verderben, muss es aber nicht. Schaut auf das Beispiel weltlicher Herrscher, dann wisst ihr, wie es bei euch nicht sein darf. Die Mächtigen der Welt herrschen durch Unterdrückung und indem sie ihre Machtbefugnisse missbrauchen. Sie drücken andere nach unten, um selbst oben zu bleiben. Das ist kein Maßstab für euch! Konkurrenzkampf, Neid und Machtstreben soll es bei euch nicht geben. Für euch gilt ein anderes Maß: Statt Herrschen – Dienen; statt Vormachtstellung – der letzte Platz.
Diesen letzten Platz hat Jesus selbst eingenommen. Sein Beispiel ist für die Jünger aller Zeiten maßgeblich: nicht bedient werden, sondern dienen; nicht auf Vorteile für das eigene Leben bedacht sein, sondern sich radikal einsetzen für andere – bereit, wenn nötig, zur Lebenshingabe. Nachfolge Jesu bedeutet, das Leben Jesu zu teilen, bei ihm zu stehen in seinem Ganzeinsatz für die Menschen, besonders für die an den Rand Gedrängten und Verachteten. Schicksalsgemeinschaft mit Jesus ist unvereinbar mit Machtstreben. Jesu ganzes Leben steht unter dem Vorzeichen „für andere“.
Das ist alles nichts Neues für uns. Und doch müssen wir uns eingestehen, dass wir uns vielleicht mehr an dem Machtgebaren der Welt orientieren als an Jesu Beispiel. Anders soll es sein bei uns, aber wie? Wie können wir ausbrechen aus den Trends unserer Gesellschaft und wirklich radikal anders leben, ohne als religiöse Spinner bezeichnet zu werden?
Jesu Maßstab könnte heute überall da konkret werden, wo wir bereit sind, statt oben zu stehen, unten zu stehen bei denen, die Hilfe brauchen; statt oben mitzumischen, denen Ansehen und Stimme zu verleihen, die übersehen werden; statt Macht zu missbrauchen, uns einzusetzen für die Machtlosen; statt Auszeichnung zu suchen, andere auszuzeichnen; statt selbst groß sein zu wollen, andere groß zu machen...
Jesu Weg zu den Menschen war ein gar nicht ansehnlicher Weg. Er würde ihn auch heute in die Niederungen des Lebens führen, dorthin, wo Menschen leiden und lieben, wo Sorgen um Arbeit und Brot sie quälen, wo viele ums Überleben kämpfen müssen; wo Menschen keine Orientierung finden und nicht selten zweifeln am Sinn des Lebens. Nachfolge Jesu heißt: dort an seiner Seite sein, jeden Tag.







