Aktuelle Ausgabe
2012-20

Bartholomäus Grill hielt Vortrag über Kirche und Aids in Afrika

Ängste überwinden

„Weltfremd“? Bartholomäus Grill scheute bei seinem Vortrag nicht vor harter Kritik an der Kirche zurück.Foto: Berbüsse

Werl. „Gott – AIDS – Afrika.“ Diese Schlagworte lockten gut 50 Zuhörer ins Werler Museum. Dort las Bartholomäus Grill, Afrika-Korrespondent der ZEIT, aus seinem gleichnamigen Buch. Und konfrontierte sein Publikum mit einigen unangenehmen Fragen und Thesen, gerade auch zur Rolle der Kirche.

Werl sei der erste Marienwallfahrtsort, in dem er lese, sagte der 54-jährige Journalist zu Beginn seines Vortrags. „Schließlich ist die katholische Kirche nicht allzu begeistert von meinem Buch“, erklärte er schmunzelnd. Warum dem so ist, wurde in den vorgetragenen Kapiteln und der folgenden Diskussion mit seinen sichtlich aufgewühlten Zuhörern deutlich: Bartholomäus Grill und sein Co-Autor Stefan Hippler nehmen kein Blatt vor den Mund, was Kritik an der Kirche in Sachen Aids betrifft.
Grill, der von 1993 bis 2007 Korrespondent in Afrika war, stieg mit einer detailreichen Beschreibung des Mutter-Teresia-Heims in Sambia ins Thema ein. Dort pflegen katholische Nonnen Aids-Kranke im finalen Stadium. „Jeden Monat kommen 90 Neuzugänge und sterben 50 Menschen“, schilderte Grill das Elend mit bewegter Stimme. Beeindruckend sei, wie aufopferungsvoll sich die Nonnen um die HIV-Infizierten kümmerten. Wie sie die Kranken pflegten, sie umsorgten, das sei ergreifend.
Doch gerade dort sieht Grill, der sich selbst als Katholik bezeichnet, den größten Widerspruch seiner Kirche. „Bei der Pflege von Aids-Kranken zählt sie zur Avantgarde“, findet der Schriftsteller. Nonnen, Mönche und Priester würden unglaubliche Arbeit vollbringen. Besonders auch in Ländern, zum Beispiel in Südafrika, wo der Staat ­dies nicht leisten könne oder wolle. Doch was die Eindämmung der tödlichen Immunkrankheit angehe, versage sie. „Die Kirche will sich mit der Frage von Aids und Sexualität nicht auseinandersetzen, weil sie sonst in einem moraltheologischen Minenfeld landen würde“, schilderte der Autor seine Sicht der Dinge. Aufrufe zur vollständigen Enthaltsamkeit muteten seiner Meinung nach gerade in afrikanischen Ländern weltfremd an. Umso mehr freue es ihn, wenn er couragierte Einzelpersonen treffe, die auch gegen den Willen ihrer Kirche Kondome zum Schutz vor Aids verteilten.
Dies führte in der nachfolgenden Diskussion zu einigen Wortgefechten mit dem durchweg interessierten Publikum, das zu größten Teilen aus Frauen bestand. Mit dem Vorwurf konfrontiert, er würde Kondome zum Allheilmittel stilisieren, sagte Grill offensichtlich bewegt: „Das ist es natürlich nicht. Aber wir müssen alle Mittel nutzen, um vor Aids zu schützen.“ Außerdem sei die katholische Kirche nur ein Akteur von vielen, die zusammen arbeiten müssten, um das Leiden zu beenden. Aber dennoch: „Unsere Kirche sollte ein Beispiel auch für andere Religionen geben“, wünschte Grill. Denn ein klares Wort des Papstes würde weltweit Eindruck machen, da sei er sich ganz sicher.
Während in der Diskussion unterschiedliche Meinungen zur Schau traten, erreichte Grill seine Zuhörer mit dem letzten Kapitel gleichermaßen. Ganz offen und direkt schilderte er, wie sein kleiner Sohn Leo vor Weihnachten Geschenke in einem Waisenhaus verteilen wollte. Dort lebten natürlich auch HIV-Infizierte Kinder. „Und wir stellten uns die Frage: Wie gefährlich ist es für unser Kind, mit Aids-Kranken zu spielen?“, gab Grill zu. Nach langem Überlegen wären sie schließlich in das Waisenhaus gefahren, wo Leo ausgelassen mit den anderen Kindern gespielt habe. „Damals mussten auch wir Ängste überwinden“, erklärte Grill, „heute lächeln wir darüber.“
Birger Berbüsse


18.05.2012
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