Geschichtsträchtige Kirchenorgel in St. Remigius wird von Grund auf gereinigt
3000 Pfeifen in fünf Wochen
Dortmund. Auf der Orgelempore der St.-Remigius-Kirche in Dortmund-Mengede liegen sie gut sortiert nebeneinander: Die rund 3000 Pfeifen der Kirchenorgel. Dort wo sie normalerweise platziert sind, um die Gottesdienstbesucher mit ihrem Klang zu erfreuen, klafft ein großes Loch. Die Orgel in St. Remigius wird von Grund auf gereinigt.
von Anna Petri
„Zur Reinigung mussten sämtliche Pfeifen abgebaut werden“, erklärt Küster Winfried Kupka. „Das dauert schon eine Weile.“ Eine solche Komplettreinigung wie sie zurzeit in der St.-Remigius-Kirche vorgenommen werde, sei alle 15 bis 17 Jahre notwendig, berichtet Kupka. Über die Jahre sammelten sich vor allem Staub und Ruß der Opferkerzen in den Orgelpfeifen.
Mit der Arbeit betraut wurde Orgelbaumeister Friedrich Kampherm aus Verl. „Diese Reinigung dauert in der Regel fünf bis sechs Wochen“, erklärt dieser und fügt hinzu: „Der zeitliche Aufwand ist auch deshalb so groß, weil jede Pfeife einzeln gereinigt werden muss.“ Erschwerend käme noch hinzu, dass die 3000 Pfeifen aus unterschiedlichen Materialien bestünden, die teilweise einer eigenen Reinigungstechnik bedürften, berichtet der Orgelbaumeister und zeigt eine etwa 50 cm lange Orgelpfeife aus Zinn. „Die Zinnpfeifen sind im Vergleich zu den Pfeifen aus Zink deutlich schwerer.“ Küster Kupka fügt hinzu: „Im Ersten Weltkrieg wurden die Zinnpfeifen aus vielen Kirchenorgeln ausgebaut, weil sie für die Herstellung von Munition eingeschmolzen werden mussten. Sie wurden dann durch Zinkpfeifen ersetzt.“ Es sei schon paradox, sagt er, dass die Gotteshäuser für Tötungsmaschinen demontiert wurden.
Die Orgel in ihrer heutigen Form wurde 1952 erbaut. Allerdings wurde sie unter anderem aus verschiedenen Pfeifen früherer Orgeln zusammengesetzt. Kupka hat sich vor anderthalb Jahren intensiv mit der Entstehungsgeschichte der Orgel auseinandergesetzt. Demnach wurde die St.-Remigius-Kirche im Jahr 1876 nach einjähriger Bauzeit eingesegnet. Zuvor wurden die Gottesdienste in einer kleinen, im Jahr 1676 erbauten Fachwerkkirche gefeiert. Von der Orgel dieser Kirche wurde beim Orgelbau für die heutige Kirche ein Großteil des Pfeifenmaterials übernommen.
Durch Kriegsschäden und Witterungseinflüsse wurde die Orgel jedoch mit der Zeit stark beschädigt und war letztlich kaum noch bespielbar. Aus diesem Grund entschied sich die Gemeinde 1950 für einen Neubau. Auch hierfür wurden viele der alten Pfeifen verwendet, sofern sie noch brauchbar waren. Bereits in der letzten Kirchenrenovierung 1994/95 war festgestellt worden, dass die kleinen Pfeifen einiger Register aufgrund des Materials und der Verarbeitung aus älteren Orgeln stammen mussten. Diese Pfeifen faszinieren den Fachmann nach wie vor. „Man baut die Orgel auseinander und hält plötzlich Material in den Händen, das schon über 200 Jahre alt ist“, schwärmt Kampherm.
Nach der Reinigung werden alle Pfeifen wieder einzeln eingebaut. Dabei wird der Klang jeder Pfeife noch einmal abgehört. Die Verschmutzung der Orgel im Laufe der Jahre habe zwar keinen direkten Einfluss auf das Klangbild, berichtet Kampherm, sie sei aber langfristig eine Gefahr für die empfindliche Mechanik des Instruments. Ein Problem, das Orgelbauer in ganz Deutschland seit einigen Jahren beschäftige, sei der Befall durch Schimmelpilze, erzählt Kupka. Diese sei aller Wahrscheinlichkeit nach auf die starke Beheizung und schlechte Belüftung in den Kirchen zurückzuführen.
Im abgebauten Zustand offenbart sich auch die enorme Größe des Instruments. „Viele Besucher sehen sonst immer nur die vorderen Registerreihen und wissen gar nicht, dass sich dahinter noch viele weitere Reihen Orgelpfeifen verbergen“, so Kampherm. Auf die Frage, ob es ohne Bauplan schwierig sei, die 3000 Pfeifen hinterher wieder an ihrem richtigen Platz einzubauen, antwortet er mit einem Schmunzeln: „Darin hat man einfach Routine!“







