Aktuelle Ausgabe
2012-20

In der Sprechstunde der Dortmunder Wohnungsloseninitiative „GastHaus“ finden Menschen am Rand medizinische Hilfe

Essen, duschen und zum Arzt

Praxisgebühr, Überweisungsformulare, Terminvereinbarungen – für den, der sowieso Probleme genug hat, sein Leben im Griff zu behalten, sind das manchmal unüberwindliche Hürden auf dem Weg zum Arzt. Und wer setzt sich schon gern in ein Wartezimmer, wenn man ihm ansieht, dass er die Nacht auf der Straße verbracht hat? In Dortmund finden diese Menschen in der Arztsprechstunde der ökumenischen Wohnungslosenini-tiative „GastHaus“ medizinische Hilfe.

Text und Fotos: 

Andreas Wiedenhaus 

Ungemütlich ist es heute Abend. Schnee und Frost haben sich zwar verzogen, aber die feuchte Kälte kriecht in jeden Winkel der Kleidung. Da helfen auch zwei Pullover übereinander nicht. Kein Wetter, um sich länger draußen aufzuhalten. Auf dem Gehweg an der Rheinischen Straße, einer großen Ausfallstraße nahe der Dortmunder Innenstadt, ist kaum etwas los. Die Umgebung lädt auch nicht zum Bummeln ein: Videotheken, Ramschläden und Gebrauchtwagenhändler prägen das Bild. Nur vor dem Eingang des „GastHauses“ herrscht Betrieb. Männer in dicken Jacken und abgewetzten Mänteln treten von einem Fuß auf den anderen. Unförmige Taschen tragen sie – Rucksäcke, Plastiktüten. Kaum jemand sagt etwas. Ab und zu späht einer durch ein Fenster in den hellen Raum. Es ist kurz vor Fünf, gleich müsste die Tür aufgehen.

Dann ist es soweit, die Männer können hinein. Schnell einen Platz in der Wärme sichern, einen heißen Kaffee. Teller mit Plätzchen und Stollen stehen auf den Resopaltischen. „Ist der Doc da?“ Der großgewachsene Mann mit den wirren grauen Haaren und dem langen Schnäuzer macht nicht viele Worte. Die Frau hinter der Theke, an die die Frage gerichtet war, nickt kurz: „Aber natürlich, ist doch Montag!“ Der Mann greift seine Tasche und humpelt durch einen kleinen Flur. „Anmeldung“ ist an der braunen Tür am Ende des Ganges zu lesen. Der Verband an seinem Bein müsse gewechselt werden, erklärt der Mann den beiden Frauen dort. Dann setzt er sich und wartet. Sein Alter ist kaum zu schätzen. Er spricht nur gebrochen Deutsch. 

Der erste Patient hat bereits im Behandlungszimmer Platz genommen. „Hongkong“ stammt nicht, wie sein Spitzname vielleicht vermuten ließe, aus Asien: Irgendwann ist er aus Polen nach Deutschland gekommen. „Wann?“ Diese Frage wird er heute nicht mehr beantworten können. Er ist sichtlich „angeschlagen“. Umständlich krempelt er sich die Hosenbeine hoch. Die dicke braune Jacke, seine Pudelmütze und den Schal behält er an. Gelb-Schwarz ist der Schal, stolz weist „Hongkong“ auf das „BVB“-Logo. 

Barbara Kim hat sich vor ihm hingekniet, zieht ihm die Schuhe und die Socken aus. Dann badet die Koreanerin die Füße des Mannes in einer Lösung, die gegen die Ekzeme auf seiner Haut helfen soll. Routiniert macht die kleine Frau das. Die gelernte Krankenschwester ist in Altersteilzeit und gehört seit drei Jahren zum großen Team der Ehrenamtlichen im GastHaus. „Eine ganz typische Erkrankung“, erklärt Dr. Klaus Harbig nach einem kurzen Blick auf die Füße des Mannes. Harbig ist einer von fünf Ärzten, die im GastHaus mitarbeiten: „Die Ekzeme bilden sich, weil Verletzungen nicht behandelt oder nicht richtig auskuriert werden.“ Hinzu komme die mangelnde Hygiene: „Die Leute tragen mehrere Pullover und Jacken übereinander.“ Gute Bedingungen für Ekzeme oder Schuppenflechte.

Vor fünf Jahren stieß Harbig zum Team der Wohnungslosen-Initiative. Sein Angebot war der Startschuss für die regelmäßigen Arztsprechstunden an der Rheinischen Straße: „Ich hatte damals gerade meine Praxis verkauft, fühlte mich für den Ruhestand aber noch zu jung“, erinnert sich der 69-jährige Internist. Hier könne er „einfach Arzt sein“, erklärt er sein Engagement: „Ohne wirtschaftlichen Druck, ohne Budgets.“

Einen weißen Kittel trägt Harbig nicht. Auch die Anrede „Herr Doktor“ ist nicht zu hören. Hier duzen sich alle. Das ist Teil der Philosophie. Und macht den Dienst auch für die Mediziner leichter: „Wir arbeiten niederschwellig und aufsuchend, da wären solche Schranken nur hinderlich.“ Schließlich kämen die Menschen gerade zu ihnen, so der Arzt, weil sie sich kaum in eine „normale“ Sprechstunde setzen würden.

Wer komme, werde auch behandelt, bringt Harbig die Einstellung des Ärzteteams auf einen kurzen Nenner – ohne viele Fragen: „Und solange wir Medikamente haben, geben wir diese auch aus.“ Immer gebraucht werden Mittel gegen Magenkrankheiten und Bronchitis, erzählt Harbig: „So ein Leben, wie es viele unserer Patienten führen, macht krank.“

Dabei schätzt der Arzt, dass rund 20 Prozent der Patienten hier im GastHaus wirklich auf der Straße leben und keine Wohnung haben. „Aber obdachlos in einem anderen Sinne sind fast alle“, meint er: „Sie sind schutzlos ihrem Schicksal ausgeliefert, einem Leben, mit dem sie nicht zurechtkommen.“ 

Der Anteil an psychisch Kranken, Alkohol- und Drogenabhängigen sei entsprechend groß. Etwa 400 Patienten suchen pro Quartal die Arztsprechstunde auf. Zu den eher alltäglichen Krankheiten kommen besondere Fälle. Klaus Harbig: „HIV-Infizierte, Menschen mit Tuberkulose oder Hepatitis.“ Auch Brüche, etwa nach Schlägereien, seien nicht selten.

Im Nebenzimmer kümmert sich Dr. Günther Hahn um einen Patienten. 32 Jahre lang hat der mittlerweile 80-jährige Internist eine Praxis in Dortmund geführt. Vor drei Jahren stieß er zum GastHaus. Solange er sich fit fühle, mache er weiter, sagt er: „Ärzte, die voll im Beruf stehen, sind für so etwas nicht zu finden. Die haben Stress rund um die Uhr.“

In der Anmeldung herrscht immer noch Betrieb. Es ist eng, jeder Quadratmeter wird genutzt. Gott sei Dank ist im Keller nach dem Umbau der Heizung jetzt mehr Platz. In einem Raum stapeln sich Lebensmittel, Kühlschränke enthalten leicht Verderbliches. Eine Tür weiter hängen Jacken an langen Kleiderstangen. Am Ende des Kellerflures ist die „Apotheke“ untergebracht. Regina Chun verschafft sich gerade einen Überblick über die vorhandenen Medikamente. Auch sie ist Koreanerin und hat vor ihrem Ruhestand als Krankenschwester gearbeitet. „Viele Arzneimittel werden gespendet“, erklärt sie. Die müssten natürlich überprüft werden: „Haltbarkeit und so weiter.“ Die Plastikkisten in den Regalen sind fein säuberlich beschriftet. Verbandsmaterial, Tabletten, Salben – alles ist reichlich vorhanden. Aber lange werden die Sachen nicht hier im Keller bleiben. Denn die Patienten werden auch bei der nächsten Sprechstunde im GastHaus wieder Schlange steh

 

 


18.05.2012
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