Ein Besuch bei Deutschlands höchsten Wasserfällen in Triberg
Tosend den Hang hinab
Einst kamen die Menschen hauptsächlich zum Gebet in das Schwarzwaldstädtchen Triberg: Bis ins 17. Jahrhundert reicht die Geschichte der Triberger „Wallfahrt Maria in der Tanne“ zurück, nachdem ein Kind und ein Aussätziger wundervoll geheilt wurden. Doch seit 1805 die nahegelegenen Wasserfälle durch gesicherte Wege erschlossen waren, strömten immer mehr Naturtouristen herbei. Heute gehören die Triberger Wasserfälle zu den höchsten Kaskaden Deutschlands und haben durch die Vielzahl künstlerischer Bearbeitungen das deutsche Bild vom Wasserfall wesentlich mitgeprägt.
Text: Uta Jungmann
Fotos: KNA
Es brodelt, es zischt, es tost. Noch bevor die Besucher die Triberger Wasserfälle sehen, können sie das Rauschen hören. Donnernd und schäumend stürzt das Wasser der Gutach hinab, 163 Meter tief und in sieben Kaskaden.
Die Absatzstufen von Deutschlands höchsten Wasserfällen bestehen aus wuchtigem Granit, so wie das meiste Gestein rund um Triberg im mittleren Schwarzwald. „Über Jahrmillionen hat sich das Wasser hier seinen Weg gebahnt“, sagt Thomas Huth, Forstwirt und wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landesamt für Geologie in Baden-Württemberg.
Es waren bewegte Zeiten der Erdgeschichte: Durch den Einbruch des Rheingrabens hatten sich bereits der Schwarzwald und die Vogesen als dessen Schultern empor gewölbt. Doch im Innern der Erde ruckelte und bebte es weiterhin gewaltig. Vor rund 200 Millionen Jahren ist so die Kesselberg-Verwerfung entstanden – eine Bruchstelle, an der sich zwei Teile der Erdkruste gegeneinander verschieben. Tiefliegender Granit kam dabei an die Oberfläche. „Senkrecht zu der Spalte stürzte später das Quellwasser in die Senke“, schildert Fachmann Huth. „Ungefähr dort, wo heute in Triberg der Bahnhof ist.“ Das Interessante daran: Von dort aus ist das Wasser rückwärts gegangen. Bis heute frisst es sich im nie endenden Erosionsprozess bergaufwärts in den Granit hinein.
Beim Wegfreiräumen haben auch die ungeheuren Mengen Schmelzwasser der jüngsten Eiszeit geholfen, die vor rund 10000 Jahren endete. Die Wassermassen von den Gletschern formten das Bett des Gefälles grob aus und rundeten dessen Fallkanten ab. Zudem haben sich die Bäume im Schwarzwald am Abtragen des Gesteins beteiligt: „Ihre Wurzeln wachsen in die Felsritzen hinein und sprengen den Stein mit der Zeit weg“, erläutert Huth. Inzwischen hat die Erosion einen Taleinschnitt in V-Form oberhalb von Triberg eingekerbt. „So weit sind die Fälle bisher rückwärts gewandert“, unterstreicht der Fachmann.
Auf der Hochfläche über der Stadt, in knapp 1000 Metern Höhe, sammelt sich derweil das Quellwasser und will auf dem kürzesten Weg nach unten fließen. Dennoch bleibt die Strecke nicht immer gleich: Manchmal tropft nur noch ein Rinnsaal, wo früher der Fall seine schaumige Masse prasselnd herabschießen ließ. „Wenn sich etwa infolge eines Gewitters ein Fels gelöst und in den alten Weg geschoben hat“, erläutert der Fachmann, „sucht sich die Gutach einen leichteren Umweg.“
Auch die Becken an den Felssprüngen entstehen durch die Kraft vom Nass. „Das Wasser fällt auf den tiefsten Punkt einer Stufe; da hat es die meiste Wucht“, erläutert Huth. „Es wäscht die Becken immer breiter aus.“ Weil das Wasser zudem Quarzsand und Steinmaterial mit sich führt, werden die Mulden tüchtig ausgeschrubbt. Nur die großen Felsen sind davon nicht betroffen: Wie runde, riesige Kissen liegen die grauen Brocken mit ihren abgeschliffenen Ecken im Bachbett. „Um die Klötze zu versetzen, muss schon ein Jahrhundert-Gewitter kommen“, ist Experte Huth überzeugt.
Immerhin schafft es die Schneeschmelze, im Frühjahr kleinere Brocken wegzustrudeln. In der Zeit schiebt der tobende Fall die Granitblöcke mit dumpfem Grollen ins Tal.Dort türmen sie sich zu seinen Füßen. 1849 kam es dabei zu einem Unglück, als das Wasser gar nicht mehr aufhören wollte zu wüten: Felsblöcke polterten mit Bäumen, Schutt und Geröll in die Stadt hinein. Schlamm und Steine übersäten die Straßen, und als sich der Sonnenwirt ein Bild vom Schaden machen wollte, fand er den Tod dabei.
Doch meist brodeln die Fälle in ihrem Bett, im wirbelnden Tanz und mit glitzerndem Sprühen. Von Krach und Kraft des Wassers nicht schrecken lassen sich die Eichhörnchen. Schon morgens kommen sie an die Wege, die sich an den Kaskaden hoch schlängeln, und warten auf die ersten Besucher. Die bringen ihnen oft Erdnüsse mit.
Auch die Britin Ingrid Weisman holt eine Nuss hervor, geht in die Knie und hält sie einem Eichhörnchen hin, das erst zögert. Fast schwarz ist das Fell des putzigen Gesellen, nicht rotbraun wie in anderen Breiten: Damit haben sich die hiesigen Eichhörnchen den Dunkeltönen im Wald angepasst. Bei dem Kerlchen vor Ingrid Weismann siegt plötzlich die Lust am Knabbern über die Angst vorm Menschen. Ein Hüpfer, ein Husch – und weg ist die Nuss. „Das versüßt ihm den Tag“, freut sich die Britin.
Auch einige Eichel- und Tannenhäher klauben mit ihren Schnäbeln die Leckereien von den Wegen auf. Die Häher brüten in Triberg zuhauf. Sie lieben die Fichten, Tannen und Buchen dort, vor allem deren Samen. Davon gibt es mehr als genug in dem Bergwald, der wegen der feuchten Luft ringsum besonders würzig duftet. Zum Wohlgeruch trägt überdies das Grün an den Fällen bei: Moos ummantelt viele Felsen. Bachnelke und Frauenmantel, Huflattich und Hahnenfuss sprießen neben Farn und Giersch in dem bodenfeuchten Gebiet.
Der Wasserfall, die Luft, die Wälder – all das lockt die Besucherscharen nach Triberg. Schon um 1800 waren die Fälle eine Attraktion; heute besuchen sie rund eine halbe Million Menschen im Jahr. Um die vielen Gäste hat früher mancher die Triberger beneidet. Vielleicht hält sich deshalb das Gerücht, dass es am Wasserfall nicht mit rechten Dingen zugehe. Böse Zungen behaupteten gar, dass das erforderliche Wasser teils den Berg hinauf gepumpt werde. Als Indiz dafür galt lange ein Gebäude nahe der Fallkante. „Doch in ihm wird nur Strom gewonnen“, versichert Huth. Bevor das Nass in die Tiefe fällt, wird ihm ein Teil entnommen und über eine Turbine geleitet. Danach kehrt das Wasser wieder ins Bachbett zurück.
Aber die meisten Besucher kümmern solche Geschichten nicht. Sie wollen den Wasserfall sehen und bewundern. Wie der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway. Sein Besuch in Triberg hat ihn so begeistert, dass der raubeinige Erzähler 1922 ein verträumtes Gedicht über den Schwarzwald verfasst hat. „Wie das Wasser mit aller Kraft aus der Fichten- und Felsenwand stürzt – das ist so ein schönes Bild von Landschaft“, schwärmt auch Ingrid Weisman. „Da wird man ganz ehrfürchtig.“ Früh morgens hat sie dieses Bild fast für sich alleine. Nur die Tannenhäher schauen zu, wie sie versonnen auf das tosende Wasser blickt.
Info
Triberg und Umgebung:
Triberg liegt nördlich von Freiburg im mittleren Schwarzwald in 600 bis 1038 Meter Höhe und ist auch gut mit der Bahn erreichbar: Der Ort liegt an der landschaftlich schönen Strecke der Schwarzwaldbahn, die zwischen Offenburg und Singen am Bodensee verkehrt.
Die Stadt erhielt mit vier weiteren Ortschaften den Titel „Tor zum Naturpark Südschwarzwald“ und gilt damit als Eingangstor zum zweitgrößten deutschen Naturpark.
Einen Besuch lohnt auch die Wallfahrtskirche „Maria in der Tanne“, erbaut 1700. In der Kirche bietet sich dem Besucher eine barocke Pracht mit einem Altar von Bildhauer Josef Anton Schupp aus Villingen.Das neben der Wallfahrtskirche stehende „Messnerhäusle“ aus dem Jahr 1697 ist eines der ältesten Gebäude in Triberg.




