Aktuelle Ausgabe
2012-5

Im Rottal werden Kräuter für naturreine Aromaöle angepflanzt

Die Seele der Pflanze

Ein Duft von Lavendel und Melisse liegt in der warmen Luft, während die Sonne das Kräuterfeld in satten Grüntönen leuchten lässt. Hier, im kleinen niederbayerischen Weiler Etzenberg, befindet sich die Betriebsstätte der Rottaler Aromaöle. Dort baut Landwirt Wolfgang Burger mit Gartenbau-Ingenieur Georg Effner seit zehn Jahren besondere Pflanzen an. Auf 5000 Quadratmetern wachsen Bergamottenminze, Salbei, Römische Kamille, Weißtanne, Angelika, Thymian und Kümmel.

Text: Judith Bornemann

Fotos: Katharina Ebel 

Ätherische Öle seien das Essenziellste, was die Natur dem Menschen überlassen könne, schwärmt Effner: „Dieses Öl gilt als Seele der Pflanze.“  

An diesem Tag sind Kräuter-Pädagogen und einige Interessierte auf den Etzenberg gekommen, um sich in puncto naturreiner Aromaöl-Gewinnung fortzubilden. Der Geruch, der ihnen hinter dem Firmenhaus in die Nase steigt, hat aber so gar nichts mit dem von beliebten, wohlriechenden Öllampen zu tun.  „Das liegt daran, dass wir es hier bei unserer Produktion mit medizinischen Ölen zu tun haben“, erläutert Effner. Ihnen werde eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben. Mit den wohlriechenden, nicht selten aber künstlich hergestellten Duftölen habe das nichts zu tun.   

Dass die natürlichen Öle von Heilpflanzen eine positive Wirkung auf den menschlichen Organismus haben, wussten bereits die Ägypter, Assyrer, Chinesen und Römer. Der Begriff der Aromatherapie geht aber letztlich auf den französischen Arzt Rene-Maurice Gattefosse zurück. Dabei belächelte die Schulmedizin lange Zeit diese Methode.  

Inzwischen gibt es jedoch wissenschaftlich nachweisbare Erfolge. Und auch Kliniken setzen die Aromatherapie ein, betont der Bochumer Professor Hanns Hatt. So belegen Studien etwa die therapeutische Wirkung von Eukalyptus-, Pfefferminz- oder Lavendelöl. 

Doch noch immer gibt es zu wenige wissenschaftliche Erhebungen. „Die ätherischen Öle lassen sich nicht ohne weiteres vergleichen“, erklärt Hatt das Problem. Selbst das Öl einer einzigen Firma unterliege Schwankungen in der chemischen Zusammensetzung. Etwa 80 Duftnoten umfasst die Aromatherapie, die bestimmten Leiden und Krankheiten zugeordnet werden.  

Derweil stehen auf dem Rottaler Etzenberg die Türen der kleinen Scheune offen. Die Besucher schauen gespannt auf die blubbernde Destillationsanlage, aus der eine gelbliche Flüssigkeit herauströpfelt. Während die Kräuter langsam ihr Öl freigeben, versucht Burger den Seminarteilnehmern seine Philosophie näherzubringen: „Ideal wäre es, die stillgelegten Flächen in der hiesigen Region in blühende, biologisch angelegte Heilkräuterfelder zu verwandeln.“ 

Anbauen würde er gerne mehr von Zitronenmelisse, Kümmel und Angelika. Effner und Burger bleiben dabei aber realistisch – bei ihrem Geschäft werde sich wohl der ganz große Gewinn nicht einstellen, räumt Effner ein. Aber bisher seien er und sein Geschäftspartner sehr zufrieden und überzeugt, zumindest eine Marktnische entdeckt zu haben. Denn Aromaöle sind immer gefragter. Mit der neuartigen Wasserdampf-Destillationsanlage, die weltweit zum Patent angemeldet ist, garantieren die beiden auch, dass ihre ätherischen Öle zu hundert Prozent naturrein sind.  

Die Öle bieten nicht nur Physiotherapeuten ein breites Behandlungsspektrum. Auf diese naturreinen Aromaöle schwört auch die Münchner Heilpraktikerin Sigrid Wiedemann. Während ihrer Ausbildung, unter anderem in Indien, kam sie mit der Aromatherapie in Kontakt. Seither ist Wiedemann fasziniert, welch breites Spektrum diese Therapieform bei der Behandlung von psychischen und physischen Erkrankungen bereithält. Heilungsgarantien gebe es aber keine, weiß Wiedemann.

Neugierig strecken die Seminarteilnehmer die Köpfe in Richtung Destillationsapparatur. Siglinde Eder ist Gärtnerin und will später ihr Wissen um Heilkräuter, die daraus zu gewinnenden Öle und deren Wirkung auch an Kinder und Jugendliche weitergeben. 

Walter Kirscher von der Landesanstalt für Landwirtschaft dagegen möchte mehr in Erfahrung bringen über den Nutzen von fast schon vergessenen Kräutern. Da passt es, dass gerade eine Pferdebremse eine Teilnehmerin in den Oberarm sticht. „Nehmen Sie sich ein Blatt Spitzwegerich“, rät Seminarleiterin Erika Stelzl. „Auf dem Stich verreiben, dann vergeht der Juckreiz.“ Und tatsächlich, das alte Hausmittel wirkt.

 


04.02.2012
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